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Zur Problematik des Orginaltexts von Collodi

 

Die Problematik bei der Bearbeitung des Originaltexts von Pinocchio für die Bühne beruht einerseits auf seiner Entstehungsgeschichte und andererseits auf einer, aus heutiger Sicht, überkommenen erzieherischen Moral. Collodi verfasste den Text nicht mit der Absicht einen geschlossenen Roman zu schreiben, sondern als Fortsetzungsserie für eine Kinderzeitschrift. Ohne besondere Sorgfalt plante er lediglich 6 Folgen und erst der Erfolg dieser ersten Kapitel veranlasste ihn, immer weiter zu schreiben, um schlussendlich auf 36 Kapitel zu gelangen.

 

Durch diese merkwürdige Entstehungsgeschichte fehlen unentbehrliche Voraussetzungen für ein dramatisch geschlossenes Bühnenwerk. So kommen zum Beispiel zwei der beliebtesten Gestalten – Fuchs und Katze – nach einem Viertel der Erzählung überhaupt nicht mehr vor. Sie eignen sich aber wie keine der nachfolgenden Figuren, um das Schlechte, die bösartige Verführung und niederträchtige menschliche Habgier zu verkörpern. Die beiden später eingeführten Herren Kutscher und Trommelbauer zeigen zwar Parallelen auf, gelangen aber nie zu einer ähnlich packenden Faszination wie Fuchs und Katze. Docht hingegen ist keinesfalls ein bösartiger Verführer, sondern glaubt fest an sein Schlaraffenland-Paradies, in welches er Pinocchio in missionarischem Eifer mitnehmen will und wo er selbst als getäuschtes Opfer endet. In meinem Bühnenstück verleihe ich den zwei Protagonisten der Verführung einen durchgehenden Charakter, indem ich sie als Mafioso und Geliebte in Fuchs und Katze, in die Mörder, und später in den Kutscher und Trommelbauer verwandle. Dadurch geben sie dem Bösen der kapitalistischen Wahrheit, dem Tanz ums Goldene Kalb des Geldes durch das ganze Stück hindurch einen dramatischen Ausdruck und Gestalt.

 

Eine weitere Figur, die außer klaren äußeren Merkmalen wie blau-türkise Haare im Originaltext einen dubios verschwommenen Charakter aufweist, ist die Fee. Wer ist sie eigentlich? Zuerst Kind, dann Mutter, plötzlich Schwester und auf einmal schulmeisterliche Freundin oder Lehrerin; ausdrücklich als reich wie eine Prinzessin geschildert, endet sie auch noch im Armenhaus! Fazit: Collodi hatte keine Frau, keine Freundin, keine Schwester, lebte bei seinem Bruder und mochte die Gesellschaft von Frauen nicht besonders. Dieser Mangel tritt nun bei der Fee deutlich hervor, denn als einzige weibliche Figur in seiner Erzählung, hatte er für deren Art und Charakter offensichtlich keine klare Vorstellung. Es scheint als wäre ihm lediglich ihre Funktion als eine Art 'Joker' wichtig. Da es sich bei ihr um eine Fee handelt, kann sie im Buch durchaus feenhaft diffus durchgehen, nicht aber auf der Bühne. Meine Idee für diese Rolle war nun, dass sie einen weiblichen Archetypus schlechthin ausdrücken soll. In ihren Hauptliedern wird sie durch den Chor sozusagen 'vielstimmig', also Mutter, Schwester, Geliebte in einem; nicht aber Lehrerin, denn alles Schulmeisterliche wollte ich vermeiden.

 

Die problematischste Passage in Collodis Text scheint mir aber ausgerechnet die bekannteste zu sein; nämlich diejenige, in der Pinocchio die Fee anlügt und seine Nase immer länger wird. Wieso lügt Pinocchio ausgerechnet an dieser Stelle? Man stelle sich das bitte einmal vor: zuerst lässt ihn die Fee aus seiner Schlinge befreien, dann hat er ein tödliches Fieber, für welches sie die richtige Medizin weiß - rettet ihm also in kürzester Zeit gleich zweimal das Leben – und er befindet sich plötzlich auch noch in einer Umgebung von nie gekanntem Reichtum und Prunk. Und was tut er, als er nach seinen fünf Goldstücken gefragt wird von der Person, welche Wunder vollbringen kann und ihm ganz offensichtlich äußerst wohl gesinnt ist? Er lügt sie an! Das ist unverständlich. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Auch der Einfältigste würde in dem Moment die Fee wahrscheinlich eher bitten, aus den fünf Goldstücken fünfzig oder fünftausend zu machen, als sie anzulügen.

 

Ich musste einen stichhaltigen Grund finden für dieses dreimalige Lügen und fand ihn im Motiv der Scham: Pinocchio schämt sich über seine Dummheit und will der Fee gegenüber nicht zugeben, was für ein Tölpel er war. Dies ist ein verständlicher Grund für sein Lügen. Verständlich auch, dass sie, diese Lügen durchschauend, ihn schon nach Kurzem aus seiner misslichen Lage mit der langen Nase befreien wird, also die Konsequenz für sein Schummeln relativ harmlos ausfällt und von kurzer Dauer ist. (Sonst wird er ja vom Feuerfresser, Fuchs und Katze, Trommelbauer und Kutscher immer gleich in seiner gesamten Existenz, also mit dem Tod bedroht.)

 

Ein weiteres Problem in Collodis Buch ist für mich der erzieherische Aspekt. Aus heutiger Sicht erscheint mir dieser nicht nachvollziehbar und pädagogisch falsch. Collodi geht davon aus, dass die unwissende Holzpuppe als ungezogener Lausbub erst mal die Regeln der Gesellschaft erlernen muss, um als richtiges Menschenkind ein normales Leben zu erreichen. Ich frage mich nun aber, wer oder was hier eigentlich normal ist? Der Bub (ohne 'Laus') oder die Normen der Gesellschaft? Ist eine Gesellschaft normal, in welcher einer die Regeln von Mafioso und Geliebte (Fuchs und Katze) erlernen soll? Ist sie normal, wenn ein armer Vater seinem Kind bloß Obstschalen vorsetzen kann? Ist nicht eher die Gesellschaft selbst ungezogen, wenn sie einen derart mit Werbung bombardiert, dass man lieber ins Marionettentheater geht als zur Schule? Welches normale Kind würde nicht genauso handeln? Nein, Pinocchio ist ein ganz und gar normaler Junge mit einem sogar ausgesprochen gesunden Menschenverstand. Nicht normal und verrückt ist die Welt um ihn herum.

 

Mit diesem Leitmotiv steht mein Stück natürlich in Opposition zum Originaltext und es ist daher nur logisch, dass mein Schluss auch konträr zu dem von Collodi ist. Pinocchio hat zwar mittlerweile die Normen des Lebens kennen gelernt, soll aber nun nicht ein Menschenkind werden in einer Welt von Betrügern, Hunger und Einsamkeit. Abgesehen von der logischen Konsequenz, hat dieser Schluss etwas kindergerechtes, denn ich erinnere mich vieler Tränen, als in meiner ersten Version für das Opernhaus Zürich Pinocchio am Schluss ein Mensch wurde: Die Kinder wollen die Holzpuppe sehen und diese stirbt in dem Moment, in dem Pinocchio ein Mensch wird.

Dieser neue Schluss öffnet nun noch eine weitere Ebene, nämlich eine Art Erlösung im märchenhaften: Wird Pinocchio Mensch, so können sich Mafioso und Geliebte nicht mehr in Fuchs und Katze verwandeln, die Barfrau nicht mehr in eine Fee und die Bar-Theke wird nicht mehr zur Kutsche und lässt keinen Walfisch mehr zu. Alles wäre in der Realität gestrandet und fortan an sie gebunden. Wenn aber Pinocchio kein Mensch wird, so bleiben die Türen der Fantasie offen und alle Figuren können auch weiterhin die Wirklichkeit wechseln. Diese Erlösung drückt sich im letzten Refrain aus:

(Alle): „Wir wollen neue Lieder singen und Theater spielen.“ 

                                        

 

                                                                                                              

 

   

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