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Die Quintenspirale
oder liebe deinen Nächsten wie dich selbst
Gehen wir von einer theologisch berechtigten Annahme aus, dass Christus in der Bergpredigt die alten Regeln von Moses ablösen und ein neues Gesetz verkünden wollte, so sind diese neuen Gebote nun nicht mehr bloss an das Volk Israel gebunden, sondern weisen auf eine innere Lebensnotwendigkeit, ja sogar auf eine Art Schöpfungswillen hin. Dazu sind diese Gesetze weder juristisch noch moralisch formuliert und alle klar in ihrer Aussage. Bis auf eines, dem Ober-Gebot:
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.
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So ein Schwachsinn! Hat der Gottessohn den Verstand verloren? Hat er die Menschen überhaupt nicht kennen gelernt während seines Aufenthaltes in den Niederungen der Erde? Oder gaukelt er uns da etwa in der Manier der Politiker einen edlen Humanismus vor?
Kaum. Mich dünkt es unhaltbar einen solch ungeheuerlichen Satz lediglich als moralischen Kodex auslegen zu wollen. Für eine moralische Umsetzung wäre das Gebot zudem völlig daneben, denn ich liebe meinen Nächsten einfach nicht wie mich selbst. Niemand liebt seinen Nächsten wie sich selbst! Wenn Christus dies von den Menschen erwarten wollte, dann wäre er ein törichter Spinner gewesen. Aber was, wenn er dem Wort Liebe eine ganz andere Bedeutung beimass, als wir es nach einer langen Kulturentwicklung tun?
Ich glaube, wir müssen erst einmal feststellen was wir unter ‚Liebe’ verstehen um herauszufinden, ob Christus diesen Begriff überhaupt nach unserem Verständnis gebraucht haben könnte oder nicht.
Wir – Pia und ich - sassen tagelang unter einem Feigenbaum, diskutierten und stritten uns über den Begriff Liebe. Mir gelang keine konkrete Definition, ihr gelang die Verneinung nicht. (Hätten wir unter einem Olivenbaum gesessen…. wer weiss…)
Vielleicht konnten die Religionen und Philosophen, Sekten und Hilfswerke uns weiter helfen, denn schliesslich operieren sie mehr oder weniger erfolgreich mit dem uns immer mehr ominös entgleitenden Wort. Doch eine allgemein gültige Definition schienen uns auch sie nicht wirklich liefern zu können. Da verhielten sich die Dichter schon geschickter: in Tausenden von Versen haben sie beschrieben und besungen, wie Liebe sich ausdrückt, also manifestiert, aber wohlweislich nicht, was Liebe eigentlich ist. Es scheint so, dass Liebe als solches nicht definierbar ist, sondern lediglich der Ausdruck davon: „Liebe ist, wenn“, und nicht „was“!
Etwas nicht definieren zu können, heisst aber noch lange nicht, dass es nicht existiert. So zum Beispiel die Schönheit: Was dem einen als schön gilt, mag relativ schön sein, ist es für den anderen aber überhaupt nicht. Genau wie bei der Schönheit ist auch bei der Liebe nur eine subjektive Sichtweise möglich und also gehört sie ganz offensichtlich zu jenen Begriffen, die nur durch die Beschreibung ihrer Manifestationen Ausdruck finden kann. Eine Einkreisung des Begriffs Liebe müsste demnach etwa wie folgt lauten:
Liebe ist ein nicht definierbares, diffuses Sammelsurium mit konkretem Ausdruck. Sie hat eine introvertiert, subjektiv gerichtete seelische Qualität, die relativ und kulturabhängig ist.
Das ist vernichtend wenig und ungeheuerlich, wenn man bedenkt, dass unsere abendländische Kultur, die mächtigste und vielfältigste in der Geschichte der Menschheit, ihr höchstes Ideal auf einem Wert gründet, der offensichtlich erlebt, nicht aber definiert werden kann!
Aus zwei Gründen scheint mir hervorzugehen, dass Christus ein solches Verständnis des Begriffs Liebe nicht gemeint haben kann: erstens hätte er damit einen Widerspruch zu allen anderen Geboten aufgebracht, denn alle anderen basieren auf konkreten und klar definierbaren Begriffen; zweitens verbinden und involvieren wir mit unserem Verständnis von Liebe anderweitige Qualitäten und Empfindungen wie Sexualität und Treue zum Beispiel. Wir kontaminieren also vielleicht einen ursprünglich möglichen, ‚reinen’ Begriff und könnten sagen: der Fall aus dem Paradies war zu dem Zeitpunkt, als man begann, eine reine, eventuell geistige Auffassung von Liebe mit Sexualität zusammenzuführen und in Verbindung zu bringen. Apokalyptisch für den ursprünglichen Begriff wäre dann die Schlussfolgerung, nämlich die Verknüpfung von Sexualität und Treue gewesen. Und besiegelt war der Sturz durch die Übertragung von Treue auf Besitz.
Die Frage ist, was versteht Christus unter Liebe? Und meint er mit dem Satz den Nächsten zu lieben wie sich selbst etwas ganz konkretes, gleich wie in den anderen Geboten? Durch die herausragende Stellung, die er zudem diesem Satz innerhalb der Bergpredigt einräumt, glaube ich schon, dass wir davon ausgehen können, dass sich hinter diesen Worten etwas ganz bestimmtes verbirgt. Wahrscheinlich ein Prinzip, welches wir durchaus erkennen könnten. Wollte er vielleicht in diesem Gebot sogar das Hauptprinzip der Schöpfung schlechthin offenbaren?
„Zwar kann niemand Gott sehen; aber er zeigt sich den Menschen in seinen Werken. Sie können sein Wesen und Prinzip mit Verstand erkennen. Sie haben also keine Entschuldigung.“ (Römer 1, 19 + 20)
Gut, tun wir es mit Verstand und betrachten die Werke. Dabei fällt ein Schöpfungsprinzip besonders auf: ein System von vielen Kreisläufen. Seien es die Jahreszeiten, sei es das Recycling welches er selbst erwähnte, von wegen aus Erde seien wir und zur Erde kehrten wir zurück, überall – seit die Götter erwachten – können wir ein Kreislaufprinzip erkennen. Nehmen wir das Wasser: genau wie es verdampft, sich zum Regentropfen kristallisiert und zur Erde fällt, in Bächen und Flüssen sich vermischt und schliesslich in Seen und Meere gelangt, um wieder verdampfend aufzusteigen, gleich könnte durchaus vorstellbar das Leben ebenfalls von einer All-Seele zur menschlichen Kristallisation und wieder zurück zur All-Seele verlaufen.
Mit diesem Bild vor Augen bekommen die Worte ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’ eine genauso konkrete Bedeutung wie etwa ‚Du sollst nicht töten’. Noch mehr: Sie werden überhaupt zur Essenz der ganzen Bergpredigt und machen diese erst wirklich verständlich. Der Satz wird zum Gebot und ist nun nicht mehr bloss ein moralisches Schlagwort für gut gemeinte Hilfswerke und pseudochristliche Gruppierungen, sondern zeugt von einer Notwendigkeit des Lebens selbst, von einem Schöpfungsgesetz mit einer ungeheuerlichen Konsequenz: Wenn mich allein mein weltliches Dasein, die paar Jahre, die ich lebe und in denen sich mein Wässerchen kristallisiert hat, vom Seelenmeer – also all meinen Nächsten – trennt, dann ergibt es gar keinen Sinn, diese Nächsten nicht zu lieben wie mich selbst; denn ich bin ja lediglich während einer begrenzten Zeit und Zustand nicht mit ihnen vermischt, nicht eins mit ihnen und überhaupt unterscheidbar.
In den musikalischen Phänomenen sehe ich diesen Gedanken in der Quintenspirale ausgedrückt. Wir zeichnen fälschlicherweise stets den Quintenzirkel als Kreis. Das ist deshalb nicht richtig, weil nach einem Umschwung zum Beispiel das oktavenbildende C je nach Ausgangsrichtung ein His oder Deses geworden ist. In einem Kreis entsteht lediglich eine Oktavbildung in der siebten Lage. In Wirklichkeit hat sich aber die Oktavbildung gegenüber dem Grundton verschoben, was optisch zu einer Spirale und nicht zu einem Zirkel führt. Dies ergibt einen Kreislauf der sich unablässig verändert und nie identisch bleibt, eine in das Unendliche fortlaufende Kette von Tönen. Jeder Umschwung ist eine Art Schwellenübergang zu dem mir auch das Wort „Nadelöhr“ einfällt. Die Quintenspirale ist demnach einerseits der musikalische Beweis einer Unendlichkeit – gleich wie der mathematische Beweis etwa die Wurzel aus Zwei ist – und andererseits bestätigt sie die Annahme einer ständigen Veränderung aller Dinge und jedes qualitativen Zustandes.
Die Wandlung, oder Abwandlung der Seele von einem musikalischen Phänomen wie der Quintespirale her zu leiten, scheint mir sehr angebracht, wird sie doch seit Urzeiten ganz besonders von der Musik angesprochen, viel mehr als von ihren Verwandten, der Mathematik, den Zahlen oder der Geometrie. Es würde sich wahrscheinlich philosophisch lohnen, einen Beweis für die Existenz der Seele wegen ihrer Rezeption von Musik zu versuchen.
Zurückkehrend zur Bergpredigt erhält der Begriff ‚Liebe’ durch die vorangegangenen Deutungen eine klare Definition als Weltenseele und unterscheidet sich erheblich von dem diffusen Sammelsurium mit dem wir ihn moralisch umgeben haben. Gleich wie der Regentropfen im Wasserkreislauf und der einzelne Ton in der Quintespirale eine befristete Isolation darstellt, so wäre auch unsere Seele im menschlichen Leben eine zeitlich kristallisierte Einheit der Weltenseele, aus der sie kommt und zu der sie zurückkehrt. ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’ wäre somit eine Notwendigkeit der fortwährenden Schöpfung und keine Tugend. |