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Gedanken zu Aion
Ich habe mir vorgenommen während meiner Arbeit an der Komposition von Zeit zu Zeit einzelne Gedanken aufzuschreiben. Ich tue dies einerseits um die interessierten Mitglieder des Sponsorenvereins an meiner Arbeit teilnehmen zu lassen (und zwar nicht bloss im Notenbild), andererseits ist das ganze Projekt für mich auch eine Art Klärungsprozess, denn ich habe den Text – zwar nach geraumer Schwangerschaft – dann nur in kurzer Zeit entworfen. Man kann hierzu natürlich bemerken, dass das Meiste ja von Dostojewskij stammt, aber vieles eben auch nicht. Persönlich empfinde ich C.G. Jung weit mehr als ‚geistigen Paten’, weshalb ich dem Werk auch den Titel AION gebe und nicht etwa „Der Grossinquisitor und seine Kollegen“.
Der eigentliche Ausgangspunkt des ganzen Stückes ist die Bitte von Christus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Der zwingende Gedanke, der bei dieser Bitte unweigerlich auftaucht ist, dass der ‚Vater’ über den Bewusstseinszustand der Menschen nicht genau Bescheid wusste. Die dazugehörige Frage wäre demnach: überschätzt Gott den Menschen und warum? In diesem Zusammenhang finde ich äusserst interessant die Aufzeichnungen von C.G. Jung: „Antwort auf Hiob“, auf welche ich mich denn auch beziehe. Hat Hiob, in einer Art moralischen Überlegenheit gegenüber Jahve, in dessen Rücken geschaut, dessen Schatten gesehen? War Hiobs Reaktion - Jahve um Hilfe gegen Jahve zu bitten - tatsächlich der provozierende Moment für die kommende Geburt Christi? Die spekulative Überlegung von Jung ist, dass Gott Mensch werden wollte, ja sogar musste, weil er durch die Angelegenheit mit Hiob erkannte, dass sein ‚Menschensohn’ ihm in einer gewissen Weise überlegen wurde. Damit nun sein erstgeborener Sohn, also der Teufel, mit dem er betreffs Hiob ja praktisch eine Wette abgeschlossen hatte, ihm nicht (wie bei Adam?) dazwischen funken konnte, wurde diese kommende Geburt des zweiten Sohnes ausserordentlich sorgfältig vorbereitet. Deshalb auch das Symbol der Jungfräulichkeit von Maria. Dies bloss körperlich zu sehen zeigt nicht den Mangel des Symbols auf, sondern vielmehr den Mangel am Verstehen des Symbols.
Meine spekulative Überlegung nun – diejenige von Jung weiterführend – ist, dass gerade wegen Hiob Jahve getäuscht war und die Menschen verkehrt einschätzte, denn deren Erkenntnis und Bewusstheitszustand war keineswegs soweit gediehen wie derjenige von Hiob. Tatsächlich beinhalten die Worte von Christus am Kreuz auch den Hinweis zu meinem Gedanken: einerseits liebt Christus die Menschen, ja er liebt sie sogar derart, dass er für sie und ihr Unvermögen (Sünden) in den Tod geht und für sie um Verzeihung bittet („vergib ihnen“); andererseits aber erkennt er auch den begangenen Irrtum seines Vaters („denn sie wissen nicht was sie tun“) und klärt ihn auf.
Die Annahme, dass Jahve wegen der Geschichte mit Hiob die Menschen verkehrt beurteilte, liegt also nahe, denn weshalb sonst hätte Christus am Kreuz einen so wichtigen Punkt wie den Bewusstseinszustand der Menschheit im allgemeinen richtig stellen müssen.
Der Grossinquisitor bei Dostojewskij, der in meinem Stück der Kardinal ist, sowie die Alchemie, Politik und Protestant wissen aber genau was sie tun und übernehmen ganz explizit die Verantwortung für ihr Handeln. Dabei entsteht nun die Frage: Sind nicht diese vier, gerade weil sie wissen was sie tun und die Verantwortung für dieses ‚Tun’ auf sich nehmen wollen, nicht die wirklichen Christen, also von solcher Art, wie Jahve wegen Hiob annehmen musste es gäbe sie schon? Von ihnen könnte Christus tatsächlich als von seinen Brüdern sprechen, denn sie haben ihn erkannt, aber ebenso begriffen, dass sein Vater ihn als eine Art Übermensch wie überkonzipiert hatte, für eine Welt, die es entwicklungsgeschichtlich noch gar nicht gibt, und für eine Menschheit, die er wegen Hiob falsch einschätzen musste. Die vier wissen um die Diskrepanz zwischen dieser Einschätzung und der Wirklichkeit.
Ich glaube, dass bei Dostojewskij ein ähnlicher Gedanke in seinem Grossinquisitor mitspielt.
Ein immer wiederkehrender Vorwurf von gläubigen Menschen ist, dass meine Haltung als Autor eine ketzerische sei und das Stück der „christlichen Sache“ angeblich schaden soll. Hierzu muss ich grundsätzlich bemerken, dass immer wenn etwas in die Tiefe geht, sei es ein Pressluftbohrer oder eine religiöse Betrachtung, dieser Vorgang Reibung erzeugt. Die Reibung in religiöser Hinsicht ist meines Erachtens die Infragestellung. Ich behaupte sogar, dass ohne skeptische Haltung ein wirklich religiöses Verständnis überhaupt ausgeschlossen ist. Alles ist einfach, wem der Glaube gegeben ist. Wem er aber nicht einfach geschenkt ist, der muss ihn meist unter existentiellen Nöten und Qualen suchen. Aber die Hölle befindet sich schliesslich auch in der Tiefe.
Sätze mit grossem Wahrheitsgehalt, wie sie haufenweise in der Bibel anzutreffen sind, verlieren viel von ihrer Bedeutung, wenn man sie mit einer unskeptischen Haltung einfach hinnimmt. Sie verlieren dann ihre Tiefe und werden aus Unverständnis sinnentleert und zu frommen Sprüchen degradiert. Diese Art von Naivität ist nicht die ‚Simplicità’ eines Franz von Assisi, nicht der ‚reine Tor’ Parsifal. Die Frage nach Gott kann erst dann beginnen, wenn gleichzeitig nach der Nichtexistenz Gottes gefragt wird.
Mein Stück ist also keinesfalls ketzerisch oder gar antireligiös. Seine Sprache ist lediglich in einer Art und Weise gehalten, die eine Auseinandersetzung mit dem darin enthaltenen provoziert und verlangt. Was die ‚Christlichkeit’ betrifft, ist folgendes zu sagen: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Text lediglich christliche Problematik beinhaltet, denn genauso wie in ihm die Politik nicht irgend eine politische Richtung vertritt, sondern dem Wesen nach alle beinhaltet, genauso sind die Religionsvertreter oder Hüter ganz gleich welcher Religion, dem Wesen und der Funktion nach, durch den Kardinal vertreten. Da ich Christ bin, ist mein ‚Hüter’ ein Kardinal. Wäre ich Muslim, wäre er ein Aiatolah; der Unterschied zum Zen-Meister ist bloss ein Unterschied der Mittel, nicht aber der Meister- oder Kardinalschaft an sich.
Sicher ist das Fehlen jeglicher äusseren Handlung ein besonderes Merkmal dieses Werkes. Die ganze Dramatik liegt in den Dialogen, aber die Handlungslosigkeit scheint mir weder erzwungen, noch gekünstelt. Bereits Dostojewskijs Vorlage weist wenig Handlung auf, aber diese lasse ich ganz bewusst auch noch weg, denn ich möchte von Anfang an in einer Art Essenz sein und diese durch das ganze Stück hindurch nicht verlassen. Meine Vorstellung ist ein Brennpunkt in welchem jeder Satz verharren und bleiben könnte. Auch will ich am Schluss, im Gegensatz zu der Vorlage, auf gar keinen Fall eine Reaktion von Christus, die als Antwort gedeutet werden könnte. Aus meinen bisherigen Ausführungen geht hervor, warum ich das nicht will.
Ein weiterer Grund für die Handlungslosigkeit liegt wohl in meinem persönlichen Geschmack: für mein Empfinden ist das Stück einfach spannend; und zwar so wie es ist. Ich vermisse keine Handlung. Im Gegenteil, ich finde die Dialoge und Aussagen derart spannend, wie ich mir äusseres Agieren kaum ebenbürtig aufregend vorstellen kann. AION ist aber trotzdem kein dramatisches Oratorium, da erstens die Bilder, welche in den Dialogen heraufbeschworen werden, voll von Handlung und Bewegung sind – so dass oft die imaginäre Vorstellung oder Phantasie mit sehr lebhaften Bildern beschäftigt ist – und zweitens, weil die zu Beginn proklamierte Verurteilung von Christi dann zu einer Verhandlung wird, welche zur einstimmigen Bestätigung des anfänglichen Urteils gelangt; also der Ausgangs- und Schlusspunkt der gleiche bleibt und die dazwischen liegende Handlung nur ganz geringe Veränderungen aufweist, die aber eine ungeheure Intensität besitzen.
Mein Charakter entspricht sicherlich dem Bild desjenigen Komponisten, der andauernd, wie eine Quelle, immer neue Musik entstehen lässt. Mir liegt es fern, etwa mit musikalischen Einfällen zu haushalten. Aber mein Weg der letzten Jahre zeigte mir, dass der Anspruch nach immer neuem Boden nicht richtig ist und künstlerisch nicht erstrebenswert. Habe ich einen überblickbaren Garten, werde ich in ihm Blumen setzen, das Unkraut ausreisen und somit dieses Stück Erde auf eine neue Kulturebene bringen. Erstürme ich fortwährend neues Land, so wird mir dies nicht möglich sein. Ich musste also lernen, dass in der selbst erwählten Beschränkung das eigentliche Kultivieren liegt. Diese Einsicht gilt im künstlerischen Schaffen genauso wie wohl in allen Lebensbereichen, ist aber für mich nicht leicht zu handhaben, da mein Impuls zur Eroberung neigt. Besonders in längeren Werken wird dieses ‚in den Grenzen bleiben’ besonders schwierig. Bei einem Stück wie AION ist die Beschränkung oder Zurücknahme aber geradezu eine Notwendigkeit: Der Text hat bereits einen empirischen Anspruch und die darin enthaltenen Gedankengänge, historischen Verläufe und theologischen Betrachtungen, brauchten ja eigentlich vom Platz her schon hunderte, wenn nicht tausende von Seiten. Ganz abgesehen davon übersteigt er die Erkenntnis und besonders die reale Erfahrung eines 35 jährigen. In meinem Arbeitszimmer hängt aber das ganze Libretto auf 17 Seiten an der Wand. Also eine ganze Welt in einer Komprimiertheit, wo der dahinter stehende gedankliche Raum nicht mehr sichtbar ist, sondern nur die Essenz davon bleibt. Natürlich ist dieses ‚Hinterland’ nicht abgetrennt, sondern die Absicht ist ja, dass der Zuschauer durch die Essenz den dahinter stehenden Gedankenraum wieder aktiviert.
Diese 17 Blätter an meiner Wand sind übrigens farbig und erinnern an den Plan eines Elektrizitätswerkes zur Verteilung von Strom. Nur ist mein Kriterium nicht wie die Gebäude stehen, Unterführungen und Strassen verlaufen, sondern wie die Proportionen, Querverstrebungen und Verbindungen meiner textlichen Stromleitungen zueinander und im Ganzen sind und wie sie sich gegenseitig bedingen. Meine Absicht dabei ist, dass die Musik – analog zum Text – zwar einerseits eine gedankliche Fülle und Vielfalt aufweist, andererseits aber ebenfalls auf die Essenz dieser Fülle zurückgenommen wird. Der Text verliert sich nie in Verzierungen; er ist ohne Ornamente, stets durchsichtig und klar. Die Musik sollte dies auch sein.
Von Anfang an arbeitete ich mit Motiven, respektive mit musikalischen Themen oder Leitgedanken. Ich entwarf solche sowohl für Personen, wie auch für „Dinge“ – dies in Anführungszeichen, weil ich unter ‚Dinge’ auch beispielsweise Liebe, Hunger usw. verstand. So ergaben zum Beispiel drei 4-tönigen Motive für ‚das Wunder’, ‚das Geheimnis’ und ‚die Autorität’ das 12-tönige Kardinalthema; die Umkehrung davon das Motiv für ‚das Gewissen’ usw.
Verschiedene Umstände führten nun allerdings dazu, dass ich diesen Kompositionsplan aufgab: Das Arbeiten mit musikalischen Themen behielt ich zwar bei, aber erstens empfand ich besonders die Personen bezogenen Motive als eine zu grosse Einschränkung für meine Möglichkeit des Erfinden, und zweitens begann mich der Gregorianische Gesang zu interessieren. In der Nähe meines Wohnsitzes liegt St. Antimo, einer der wenigen Orte, wo heute noch der Gregorianische Gesang gepflegt wird und wo die Messen gesungen sind. Der Gregorianische Gesang mit seiner Schlichtheit und Klarheit, mit seiner mehrtausendjährigen Geschichte, die in uns – ich möchte fast sagen – archetypisches Musikempfinden auslöst, entsprach natürlich in einem Höchstmass meiner Absicht der komprimierten Zurücknahme, wie auch der Darstellung des Kardinals. Dadurch kam ich auf die Idee, dass es dem Stück mehr entsprechen würde, den Personen musikalische Charaktere zuzuordnen als Motive. Und so begann ich nochmals von vorne.
Zum Beispiel hat jetzt die Politik einen Ganztoncharakter und ihr Gestus erinnert an die Unterhaltungsmusik. Ihr Hauptthema ‚Brot’ (ebenfalls ganztönig) besteht aus zwei 6-tönigen Phrasen, die sich komplementär 12-tönig ergänzen. Als Intervall ist ihr die Terz zugeordnet. Der Kardinal hat den Charakter des Gregorianischen Gesangs; seine Hauptthemen sind ebenfalls gregorianisch: phrygisch (das Wunder), dorisch (das Geheimnis), lydisch (die Autorität) und mixolydisch (das Wissen). Sein Intervall ist die Quint. Kommen nun beispielsweise Themen des Kardinals in den Bereich der Politik, so werden sie ganztönig; kommen sie in den Bereich der Alchemie, werden sie dualistisch und erhalten Quartcharakter, gemäss dem Intervall und musikalischen Charakter der Alchemie. Der Protestant erfährt während dem Textverlauf eine allmähliche Umwandlung vom anfänglichen Verteidiger zum Ankläger. Dementsprechend verändert sich auch sein musikalischer Charakter. Generell unterliegen seine Themen (Freiheit, Vernunft, Wissenschaft, Babylon) puritanischen Zügen wie zusammengesetzte 12-Tonreihen, die sich aus komplementären Einzelabschnitten ergeben.
Es würde den Rahmen dieser Aufzeichnungen überschreiten mich hier nun weiter und detaillierter auszulassen. Ich verweise auf das nachfolgende Notenblatt (Anhang), wo die wichtigsten Motive angegeben sind, welche sich allerdings je nach Einflussbereich der Person und ihres musikalischen Charakters wiederum in eine Vielzahl verändern können.
Ergänzend möchte ich bemerken, dass vor meiner in Angriffnahme von AION, ich den Text und Musik von „Der Hahn und das Kreuz“ schrieb. Für mich ist dies interessant, denn ich sehe unbedingt einen gedanklichen Zusammenhang zwischen beiden Werken. Zwar ist AION wesentlich umfangreicher und komplizierter, aber Der Hahn und das Kreuz ist wie der Ausgangspunkt, nämlich ein Gleichnis der Wirklichkeit was damals in Jerusalem geschah und was heute nach wie vor geschieht. Man könnte sagen: „Der Hahn und das Kreuz“ steht für Christus und die Menschheit, welche unwissend ist was sie tut; AION für Christus und seinesgleichen, also der mündige Mensch, der sein Handeln gegenüber Gott und Natur verantworten will. |