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AION         

Drama         

(Auszüge )

 

 

A I O N ist die Umschreibung für das christliche Zeitalter,

das mit dem Auftreten des Antichrists seinen Abschluss findet.

 

 

Personen:  

                Kardinal

                Politik

                Protestant

                Alchimie

 

 

 

Kardinal: 

Bist Du es? Ja? Antworte nicht, schweig! Und was könntest Du auch sagen? Warum bist Du hergekommen? Uns zu stören?

 

Politik: 

Denn uns zu stören bist Du gekommen. Und Du störst!

 

Protestant: 

Oder bist Du gekommen weil es schon Zeit ist? Haben nun all die geringen Tage die riesige Wirkung vollbracht? Bist Du gekommen uns Deinen Zorn anzukünden?

 

Alchimie: 

Nein, nein. Das Lamm ist noch kein Widder geworden. Das seh’ ich ihm an.

 

Politik: 

Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen; bloss mit einem Versprechen von Freiheit, das die Menschen in ihrer Einfältigkeit nicht einmal begreifen können.

Aber siehst Du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot und die Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam, wenn auch in stetem Zittern, Du könntest Deine Hand abziehen, und es hätte dann mit Deinen Broten ein Ende.

 

Protestant: 

Er wollte den Menschen nicht die Freiheit rauben.

Du erwidertest, der Mensch lebe nicht vom Brote allein.

 

Alchimie:

Aber weißt Du wohl, dass im Namen eben dieses irdischen Brotes der Erdgeist sich gegen Dich erheben und mit Dir kämpfen und Dich besiegen wird und alle ihm nachfolgen werden unter dem Rufe: „Wer tut es diesem Tiere gleich? Es gibt uns das Feuer vom Himmel.“

 

Kardinal: 

Weißt Du wohl, dass nach Verlauf von Jahrhunderten die Menschheit durch den Mund ihrer Weisen und Dichter verkündet, es gäbe gar kein Verbrechen und Sünde, sondern es gäbe nur Hungrige?

 

Politik: 

Mache sie satt! Und dann erst verlange Tugend von ihnen! Das habe ich auf mein Banner geschrieben, das ich gegen Dich jetzt erhebe und durch das Dein Tempel gestürzt wird.

Hättest Du das Brot damals angenommen, so hättest Du einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen. Einem Sehnen, das sich in der Frage ausspricht: wen soll ich anbeten?

 

Alchimie: 

Denn um der gemeinsamen Anbetung willen vernichten sie einander und rufen sich zu: „Verlasst eure Götter und kommt her, die unsrigen anzubeten; oder der Tod euch und euren Göttern!“ Dabei merken nie nicht einmal, dass die Götter der Feinde auch ihre eigenen sind. Aber so wird es sein bis and Ende der Welt, selbst dann, wenn sie glauben die Götter seien aus der Welt verschwunden. Nein, dann wird es sogar am schlimmsten sein, denn dann werden alle Götter hinter ihnen unsichtbar im Schatten sein, in ihrem eigenen Rücken lauern.

 

Kardinal:   

Doch nur derjenige bekommt die Freiheit der Menschen wirklich in seine Gewalt, der ihr Gewissen beruhigt.

 

Politik: 

(schüttelt den Kopf)

Kein Brot, kein Gewissen!

 

Protestant: 

(zur Politik, etwas überheblich  belehrend) 

Das Geheimnis des Daseins liegt nicht darin, lediglich zu leben, sondern darin, für irgendeinen Zweck zu leben.

(zu Christus) 

Du wünschtest freie Liebe von Seiten des Menschen: frei sollte er Dir nachfolgen, entzückt und bezaubert von Dir.

 

Alchimie: 

Und damit hast Du ihn in die Irre geführt. Du hast ihm bloss eine Seite Jahves gezeigt und nur vom ‚guten Vater’ gepredigt. Aber Du hattest wohl selbst Zweifel, als Du in Deinem Gebet sagtest: „und führe uns nicht in Versuchung“; denn wie und weshalb sollte der Absolute uns in Versuchung führen, wenn ER absolut gut ist?! Du ahntest oder wusstest wohl die Wahrheit als Du weiter batest: „sondern erlöse uns vom Bösen, denn Dein ist das Reich und die Kraft.“ Wenn ihm aber tatsächlich das ganze Reich und die ganze Kraft gehört, wenn er also tatsächlich allmächtig ist, woher frage ich Dich, woher sollte das Böse dann kommen, wenn nicht auch von ihm, dem Allmächtigen?! Du batest damals Jahve um Hilfe gegen Jahve. Und nie konnte jemand seine Doppelnatur besser kennen als Du: denn Du!, Du sahest ja den Teufel fallen, und Du sahest wohl, dass er von ganz oben fiel!

 

Kardinal: 

Hörst Du? (zeigt auf die Alchimie) Die Menschen werden schliesslich rufen, Du seiest gar nicht die ganze Wahrheit. Und dabei wurde Dir doch etwas völlig anderes vorgeschlagen und Du hättest einen ganz anderen Weg wählen können! Sieh, es gibt drei Mächte auf der Erde, die imstande sind, das Gewissen dieser schwächlichen Rebellen für allezeit zu ihrem Glücke zu besiegen und zu fesseln. Diese drei Mächte sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität.

 

Protestant:

(wütend) 

Du hast das Erste und das Zweite und das Dritte verschmäht und durch Dein eigenes Verhalten ein Beispiel dafür gegeben, wie man der Versuchung widersteht. Du hast dem furchtbaren Geist widerstanden, als er Dich auf die Zinne des Tempels stellte.

 

Kardinal:

(zum Protestant)

Aber Er wusste nicht, dass der Mensch, sobald er das Wunder ablehnt, zugleich auch Gott ablehnt. Der Mensch sucht nicht so sehr Gott als das Wunder.

 

Politik: 

Und da der Mensch anscheinend nicht imstande ist ohne Wunder auszukommen, so schafft er sich neue, eigene Wunder, und er wird sich vor diesen Wundern beugen, mag er auch hundertmal ein Rebell und Ketzer sein.

 

Protestant:  

Sein grosser Prophet aber sagt, er habe alle Teilnehmer der ersten Auferstehung gesehen, und es seien ihrer aus jedem Stamme zwölftausend gewesen. Sie alle haben Sein Kreuz getragen.

 

Politik: 

Da kannst Du allerdings mit Stolz auf diese Kinder der Freiheit hinweisen. Aber vergiss nicht, dass ihrer im Ganzen nur wenige Tausend waren; und die übrigen?

 

Kardinal:   

Was können die übrigen Millionen, die aber Millionen schwachen Menschen dafür, dass sie nicht dasselbe ertragen konnten?

 

Protestant: 

(nachdenklich, zuerst wie zu sich) 

Sollten etwa dereinst nicht alle dabei sein? Sollten dann etwa nicht alle Augen sehen wie das Reh neben dem Löwen ruht, sehen wie der Ermordete den Mörder umarmt?

Nein – und wenn dem so wäre, dann ist hier ein Geheimnis und wir können es nicht verstehen.

 

Kardinal: 

Wenn des aber ein Geheimnis ist, so waren wir auch berechtigt zu verkünden, dass nicht der freie Entschluss und nicht die Liebe das Entscheidende ist. Sondern jenes Geheimnis.

Genau das haben wir auch getan. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf das Wunder, auf das Geheimnis und auf die Autorität gegründet. Sprich, waren wir berechtigt so zu lehren und so zu handeln? Haben wir etwa nicht die Menschen geliebt, als wir ihre Schwäche anerkannten, ihre Bürde erleichterten und ihrer schwächlichen Natur sogar die Sünde gestatteten?

 

Alchimie: 

So höre denn: Wir sind nicht nur mit Dir im Bunde, sondern auch mit ihm, dem furchtbaren, klugen Geiste. Das Äon der Fische ist abgelaufen und der Fanden an dem unser aller Schicksal hängt ist dünn geworden. Nicht die Natur, sondern der Mensch hat sich selbst den Strick gedreht und morgen, nein heute schon, jetzt, kann dieser Mensch die Schalen des Übels ausgiessen und die Siegel der Vernichtung aufbrechen. Nur eine kleine Möglichkeit besteht noch zu unserer Rettung: Wir müssen in unsere eigenen finsteren Abgründe schauen um darin gleichzeitig die Abgründe Jahves zu erkennen; denn nach der Schrift sind wir Sein Bildnis. Du kannst uns dabei nicht helfen; Du schon gar nicht, denn Du warst es, der das Licht vom Schatten getrennt hat, die Einheit von Gut uns Böse gespalten und damit dem Menschen etwas vorgemacht, was er nie befolgen kann und was er nie befolgen darf. Um uns vor dem Untergang zu retten, sind wir mit dem Grossen Geist im Bunde.

 

Kardinal: 

Wir sind schon seit langer Zeit mit ihm im Bunde. Von ihm nahmen wir an, was Du unwillig zurückgewiesen hast; jene letzte Gebe, die er Dir anbot, indem er Dir alle Reiche der Erde zeigte: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert.

 

Protestant:  

(zuerst die Möglichkeit erwägend, dann sich hineinsteigernd)

Hörst Du das? Du hättest damals auch das Schwert des Kaisers ergreifen können. Du hast es nicht. Warum eigentlich hast Du es nicht ergriffen? Warum hast Du diese letzte Gabe des mächtigen Geistes zurückgewiesen? Weißt Du wie viele ‚Heilige Kriege’ seither in Deinem Namen geführt wurden? Weißt Du wie viele Unschuldige in Deinem Namen ermordet wurden? Oh, hättest Du doch wenigstens diesen dritten Rat angenommen, so würdest Du der ganzen Welt Ruhe gebracht, und eine humane Weltherrschaft begründet haben.

 

Alchimie: (etwas spöttisch)

Ja, um zu einem unbeweglichen Klotz zu werden. Dabei ist die göttliche Harmonie eine Spannung von Gegensätzen, die Harmonie der Sphären eine Bewegung.

 

Kardinal: 

Ich lehne beides ab. (zum Protestant) Dein einfältiger Humanismus und (zur Alchimie) diene Harmonie der Sphären. Sie sind nicht einmal ein einziges Tränlein eines einzigen unglücklichen Kindes wert, das sich mit dem kleinen Fäustchen an die Brust schlägt und zu seinem ‚lieben Gottchen’ betet. (zu Christus) Wir haben das Gewissen der Menschen in unsere Gewalt gekriegt und das Schwert ergriffen. Aber in dem wir es ergriffen, haben wir uns freilich von Dir abgewandt und sind ihm, dem furchtbaren klugen Geiste gefolgt. Oh, noch Jahrhunderte lang wird der Unfug des freien Geistes, ihrer Wissenschaft und Menschenfresserei dauern: denn sie, die ihren Babylonischen Turm ohne uns durchführen wollen, werden mit Menschenfresserei enden. Aber dann, dann wird das Tier zu uns heran gekrochen kommen und unsere Füsse lecken und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen benetzen. Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben. Du bist stolz auf Deine Auserwählten, aber Du hast nur Auserwählte, während wir allen Ruhe bringen werden.

 

Politik: 

Vielleicht. Aber heute und jetzt bestaunen sie meine Gesetze und Klugheit und sind stolz darauf, dass ich befähigt war, eine so störrische Herde zu zähmen. Ja, ich zwinge sie zu arbeiten; aber in den arbeitsfreien Stunden gestalte ich ihnen das Leben angenehm, zu einer Art kindlichen Spiel, mit Kinderliedern, Ballspielen und unschuldigen Tänzchen.

 

Protestant:  

Wir schulden dem Menschen aber mehr als bloss Nahrung, Geheimnisse und Spiele. Wir schulden dem Menschen den Menschen.

 

Kardinal: 

So!? Und was tun wir? Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und ein paar wenige Dulder, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden die Menschen sterben. (zu Christus) Still erlöschen in Deinem Namen.

 

Politik 

(den Satz wie fortfahrend): 

. .. und jenseits des Grabes nur den Tod finden.

 

Protestant:  

(zur Politik)

Es wäre von dir vernünftiger, du würdest an ein Jenseits glauben.

 

Alchimie: 

Und das ausgerechnet mit der Vernunft?

 

Protestant:  

Ja, denn es ergibt sonst keinen Sinn, dass einer als Kind und einer als Greis stirbt. Das ganze Leben wäre sinnlos.

 

Politik: 

Siehst Du, gerade das ist der grosse Irrtum. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Würde der Mensch einsehen, dass es kein Jenseits gibt, würde er die Einmaligkeit seines Lebens erkennen und diejenige seiner Mitmenschen achten. Würde er die Hoffnung auf ein Paradies aufgeben, würde er die Erde nicht zum Jammertal gestalten und würde aufhören seine Seele hinüber retten zu wollen, würden viele Seelen hier, im Diesseits, nicht zu Schaden kommen. Würde der Mensch nicht so am Wunsch nach ewigem Leben hängen, könnte er das beschränkte Leben gewinnen. (zu Christus) Sagtest nicht Du gerade „wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“

 

Protestant: 

(schrill und höhnisch)

Ausgerechnet du zitierst Ihn! Aber dann zitiere auch zu Ende, denn es steht geschrieben: „und wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“

 

Politik: 

Ja natürlich, denn dann wäre Sein Reich tatsächlich gekommen. Würden die Menschen tatsächlich auf ihn hören, würde es keine hungrigen Kinder geben, keine Kriege, keine Missachtung, kein Schicksal. Und ohne Hoffnung auf ein Jenseits würde ihnen gar nichts anderes übrig bleiben als den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und ich… ja, ich wäre überflüssig geworden in einer Welt gegenseitiger Rücksichtsnahe. Aber davor haben sie am meisten Angst und nennen es zitternd und schaudernd Anarchie. Oh, ich sage euch: Der Mensch wird erst dann menschlich, wenn er einsieht, dass es nichts Besseres gibt, als Mensch zu sein.

 

Alchimie:

Nie und niemals wird er aber die Forderung an seinen Schöpfer aufgeben, ihm ein Jenseits bereit zu halten.

 

Protestant:  

(zu Christus) 

Aber es wird prophezeit, Du werdest wiederkommen mit Deinen Auserwählten. Es wird gesagt, die Buhlerin, die auf dem Tiere sitzt und das Geheimnis in den Händen hält, werde beschimpft werden und die Schwachen würden sich von neuem empören und das Buhlergewand der Buhlerin zerreissen und ihren garstigen Leib entblössen.

 

Kardinal: 

(wie beim Jüngsten Gericht)

Aber dann! Dann werde ich aufstehen und Dich hinweisen auf die Tausende von Millionen glücklicher Kinder, die die Sünde nicht gekannt haben.

 

Kardinal & Politik: 

Und wir, die wir um ihres Glückes willen alles auf uns genommen haben, wir werden vor Dich hintreten und zu Dir sagen: "Verurteile uns, wenn Du das kannst und wagst".

 

Alchimie: 

Und ich werde meine Hand gegen Dich erheben und sagen: "Aion! Weil Du nur der Christ warst hast Du selbst den Antichristen heraufbeschworen; denn Dein Vater ist nicht nur die Liebe und Güte, nicht nur der Barmherzige und Gerechte. In Dir wollte Er so sein, aber in uns will Er Mensch werden. Er ist das Sowohl als Auch. Und wir können Ihn deshalb nicht nur lieben, sondern müssen Ihn auch fürchten, denn auch der Teufel ist sein Sohn.’ Ich werde auf Dich zugehen und Dir zurufen: ‚Du bist doch der Gerechte, dann sprich Recht jetzt und verurteile den Gerechten."

 

Alle: 

Was wir Dir sagen geht in Erfüllung, denn Uns ist das Reich und Dir ist die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit.         

 

                                        

 

                                                                                                              

 

   

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